Russland

    Drucken Bildergalerie Karte

Die Gründung von Nowgorod durch den Wikinger Rurik von Jütland im Jahre 862 gilt gemeinhin als Anfangspunkt der Geschichte Russlands. Zwei Jahrzehnte später wurde Ruriks Nachfolger, Oleg, zum Herrscher von Kiew. Das gleichnamige Reich, die so genannte Rus, entwickelte sich im 10. und 11. Jahrhundert zur führenden regionalen Macht, bis sein Zentrum Kiew durch die Verlagerung von Handelsrouten ins kommerzielle Abseits geriet. Die Nowgoroder Kaufleute erklärten schließlich ihre Unabhängigkeit von Kiew und unterhielten enge Verbindungen zur immer mächtiger werdenden Hanse, einem Bund von überwiegend deutschen Stadtstaaten, die den Ost- und Nordseehandel dominierten.

Im 13. Jahrhundert fand die von Reichtum und Wachstum geprägte Phase ein jähes Ende durch die plündernden mongolischen Tataren, die bis 1480 über das Land herrschten. Das 16. Jahrhundert stand im Zeichen der expansionistischen Schreckensherrschaft von Iwan dem Schrecklichen. Mit seinem Vordringen ins Wolgagebiet verärgerte er nicht nur akut die Nachbarländer Polen und Schweden, sondern sorgte auch für zukünftige Zwistigkeiten. Als nämlich die 700 Jahre währende Dynastie der Rurikiden mit dem kinderlosen Fjodor endete, erhoben rachsüchtige schwedische und polnische Eindringlinge in blutigen Kampagnen Anspruch auf den russischen Thron. 1613 fand der Streit schließlich ein Ende: Der erst 16 Jahre alte Michail Romanow begründete eine Dynastie, die bis 1917 herrschen sollte. Bedeutendster Regent jener Dynastie war Peter der Große, unter dem Russland zur Weltmacht gelangte. Seinen Sieg über die Schweden feierte er mit dem Bau einer neuen Hauptstadt - natürlich auf dem Grund und Boden, den er zuvor den Schweden abgenommen hatte. Um das schöne und neue St. Petersburg finanzieren zu können, führte Peter der Große ein Bündel zum Teil äußerst merkwürdiger Steuern ein: auf Särge, Bärte und die Seelen erwachsener männlicher Angehöriger der unteren Klassen.

Das 19. Jahrhundert wurde mit einem wahren Knaller eingeläutet - im "Großen Vaterländischen Krieg" waren die napoleonischen Truppen bis Moskau vorgedrungen und hatten das Land in Unheil verheißendem Chaos zurückgelassen. Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung wuchs immer mehr. 1861 befreite man die seit langem unter der aristokratischen Knute lebenden Bauern aus der Leibeigenschaft und der Widerstand gegen die repressive, autokratische Zarenherrschaft wuchs. Die Bauern waren es leid, für Land zu bezahlen, das sie als ihr Eigentum betrachteten. Von den Liberalen wurden Verfassungsreformen nach westeuropäischen Vorbildern gefordert; 1881 starb Alexander II. eines gewaltsamen Todes. Viele Radikale flohen ins Ausland, darunter der berühmteste aller exilierten Russen, Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem späteren politischen Decknamen Lenin.

Unter dem jungen, aber schwachen Nikolaus II. führte die schmachvolle Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 zu weiteren Unruhen; eine Petition, in der man um bessere Arbeitsbedingungen nachsuchte, wurde mit Gewehrkugeln beantwortet. Was dann als "Blutsonntag" in die Geschichte einging, führte zu Massenstreiks, Meutereien und der Ermordung von Landbesitzern und Industriellen. Sozialdemokratische Aktivisten bildeten Arbeiterräte, Sowjets genannt, und im Oktober 1905 kam das ganze Land durch einen Generalstreik zum Stillstand. Der Zar gab schließlich nach und erlaubte die Bildung des ersten Parlaments des Landes, der Duma, das er aber kurz darauf wieder auflöste, weil ihm die Forderungen der Parlamentarier zu weit gingen.

Russlands katastrophale Beteiligung am Ersten Weltkrieg hatte erneute Unruhen zur Folge; zwei Millionen Russen ließen im Kampf mit den vordringenden deutschen Truppen ihr Leben und ein großer Teil des Landes geriet unter deutsche Kontrolle. Soldaten und Polizisten meuterten und weigerten sich, auf demonstrierende Mitbürger zu schießen, deren Geduld durch das lange Anstehen um Lebensmittel überstrapaziert worden war. Aus der neu einberufenen Duma heraus bildete sich eine Regierung, bestehend aus Repräsentanten der Bildungs- und Wirtschaftselite des Landes. Wieder entstanden Arbeiter- und Soldatenräte, so dass es schließlich zwei konkurrierende Machtzentren im Staat gab. Einigkeit bestand allein darin, dass man den Zaren zum Abdanken bewegen wollte. Am 15. März 1917 kam Nikolaus dieser Forderung nach und gab seinen Thron auf.

Nach einem bewaffneten Aufstand übernahm am 8. November (gemäß russischem Kalender am 26. Oktober) eine Splittergruppe der Sozialdemokraten - die vom exilierten Lenin angeführten Bolschewiken - die Kontrolle über das Land und übertrug alle Machtbefugnisse auf die Sowjets. Die von Lenin geleitete und von Trotzki und dem Georgier Stalin unterstützte Sowjetregierung ließ nicht lange mit Änderungen auf sich warten: Das Land wurde an diejenigen verteilt, die es bearbeiteten; mit Deutschland schloss man ein Friedensabkommen; zur Bekämpfung feindlicher Elemente gründete man eine Geheimpolizei, die Tscheka; und unter der Kontrolle Trotzkis wurde die Rote Armee aufgebaut. Im März taufte sich die Bolschewistische Partei in Kommunistische Partei um und Petrograd, wie St. Petersburg mit seinem russifizierten Namen seit Beginn des Ersten Weltkriegs hieß, wurde von Moskau als Hauptstadt abgelöst. Die Ermordung des Zaren und seiner Familie war Teil eines systematischen Programms von Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen. Im Süden und Osten des Landes bildeten sich Bastionen von oppositionellen Gruppen, deren einzige Gemeinsamkeit ihr Name war: die Weißen. Als Folge der Revolution beherrschte ein drei Jahre andauernder Bürgerkrieg das Land und rund 1,5 Millionen Menschen flohen in dieser Zeit ins Ausland.

Die ökonomischen Konsequenzen des Bürgerkriegs waren verheerend und führten schließlich zur Hungersnot von 1920/21, die vier bis fünf Millionen Opfer forderte. Im Jahre 1922 wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet. Als Lenin im Januar 1924 starb, kam mit seinem Nachfolger Stalin einer der großen Schlächter der Weltgeschichte an die Macht. Er führte die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ein und zerstörte auf diese Weise nicht nur die Klasse des Bauernstands, sondern den ganzen bäuerlichen Lebensstil. Ein Großteil der Bauern widersetzte sich der Kollektivierung und Millionen verloren ihr Leben durch Hunger, Hinrichtung oder Verbannung in die Lager Sibiriens und Zentralasiens.

Mit Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im Jahr 1939 half die Sowjetunion, den Weg für den Zweiten Weltkrieg zu ebnen - zusammen mit Deutschland teilte man sich Osteuropa untereinander auf. 1941 wendete sich abermals das Blatt, als Hitler mit einem Angriff auf die Sowjetunion - das Unternehmen Barbarossa - seinen Vernichtungskrieg gegen den ideologischen Feind einläutete und Leid in nie zuvor gesehenem Ausmaß über das Land brachte. Zwischen 26 und 28 Millionen Sowjetbürger fielen dem Krieg zum Opfer, was ungefähr einem Sechstel der Bevölkerung entsprach. Die Schlachten um Leningrad, das frühere Petrograd, sowie Stalingrad, das heute wieder Wolgograd heißt, gehörten zu den langwierigsten und blutigsten des gesamten Kriegs. Allein eine Million russischer Soldaten starb bei der Verteidigung Stalingrads, der für Stalin so symbolträchtigen Stadt, deren Name gleichzeitig für die entscheidende Wende des Kriegsglücks zugunsten der Alliierten steht.

Die so genannte "Befreiung" Osteuropas durch die Rote Armee nach Kriegsende entpuppte sich als Farce. Indem die Sowjets ihre Kontrolle über einen Großteil Osteuropas ausdehnten, schufen sie sich eine Grundlage für die eigene wirtschaftliche Gesundung und eine Machtposition, auf deren Basis sie sich als eine der beiden Supermächte etablieren konnten. Stalin griff nach dem Krieg wieder auf das alte Mittel willkürlicher Säuberungen zurück und mit der Entstehung und Verschärfung des Kalten Kriegs wurden westlich angehauchte und anderweitige Einflüsse zum Hauptfeind Nummer Eins. Nach Stalins Tod im Jahre 1953 begann der neue sowjetische Führer Nikita Chruschtschow mit der vorsichtigen Entstalinisierung des Parteiapparats sowie mit der dreisten Bewaffnung Kubas. Seine politischen und strategischen Maßnahmen wurden später allerdings zunichte gemacht, zum einen durch den konservativen Leonid Breschnew, der den Prozess der Entstalinisierung beendete, und zum anderen durch John F. Kennedy, der beständig am Rande einer offenen Auseinandersetzung zwischen den beiden Weltmächten dahinlavierte. Trotz vermehrter Repression entstanden oppositionelle Bewegungen, angestachelt unter anderem durch den verschwenderischen Lebensstil der Parteielite. Die erhofften Veränderungen ließen gar nicht mehr so lange auf sich warten und wurden schließlich durch Michail Gorbatschow eingeleitet, der das Bild, das die Welt von Russland bzw. der Sowjetunion hatte, grundlegend veränderte.

Gorbatschow führte politische und ökonomische Reformen ein, die so genannte Perestroika ("Umgestaltung"), und verlangte mehr Offenheit ("Glasnost"). Im Jahre 1988 schockte er die Welt, indem er Wahlen abhalten ließ, um die Macht von der Partei auf das Parlament zu übertragen. Nach Lockerung der Repressionen erklärten sich schließlich 15 Sowjetrepubliken zu unabhängigen Staaten, wobei die baltischen Republiken Pionierarbeit leisteten. Aber die Verkleinerung des sowjetischen Machtbereichs und eine katastrophale Wirtschaftskrise verursachten Gorbatschow trotz der Anerkennung, die er weltweit genoss, im eigenen Land zunehmend Probleme. Durch einen reaktionären Putsch im August 1991 wurde seine Position zusätzlich geschwächt und der Weg für einen noch radikaleren Reformer, seinen Nachfolger Boris Jelzin, bereitet.

Macht und Besitz wanderten langsam von sowjetischen in russische Hände. Eine neue "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" (GUS) wurde gebildet, mit Boris Jelzin als Präsident des unabhängigen Russland, und eine neue Verfassung verabschiedet. Anhaltende Konflikte mit der konservativen alten Garde versuchte man teilweise mit Waffengewalt zu lösen. Das politische Gerangel zwischen nationalistischen und kommunistischen Gruppen einerseits und den Reformparteien andererseits ging unvermindert weiter.

In Tschetschenien zog sich der hartnäckige und schmutzige Bürgerkrieg weiter hin, während sich Russlands innenpolitische Probleme weiter verschärften. Die unlauteren Geschäfte korrupter Beamter und skrupelloser Betrüger waren allgegenwärtig, und Drogenkonsum, Erpressung und Mordraten schnellten unaufhaltsam in die Höhe. Trotz der unpopulären Veränderungen wurde Mitte 1996 der diktatorische, unentschlossen agierende Jelzin erneut zum Präsidenten gewählt.

Im Jahr 1999 verschlechterte sich die Gesamtsituation noch weiter. Jelzin entließ seine Regierungsmitglieder in regelmäßigen Abständen, und die wirtschaftliche Lage rauschte ständig weiter in den Keller. Im August 1998 gab man den Wechselkurs des Rubels frei, woraufhin die russische Währung drastisch an Wert verlor. Ende 1999 räumte dann Jelzin das Feld für Präsident Vladimir Putin, der Ende März 2000 von den Wählern in seinem Amt bestätigt wurde. Seitdem ist der tschetschenische Terrorismus in den Mittelpunkt des russischen öffentlichen Lebens gerückt.

Zur Jahrtausendwende verfügt Moskau über mehr Milliardäre als jede andere Stadt auf der Welt außer New York. Russland entwickelte sich zum größten Ölexporteur außerhalb der OPEC, und zu jedermanns Erstaunen hat sich das wirtschaftliche Klima im Land verbessert.

Der Ruf des russischen Militärs hat allerdings weiter gelitten. Der Krieg in Tschetschenien dauert weiter fort. Im August 2000 sank das Atom-U-Boot Kursk in der Barentssee, wobei die gesammte Mannschaft ums Leben kam und sich die Reaktion der russischen Kriegsmarine durch Vertuschung und Inkompetenz auszeichnete. Etwa 120 Menschen starben, als russische Einsatzkräfte ein Moskauer Theater stürmten, in dem tschetschenische Rebellen das Publikum als Geiseln genommen hatten.

Putins entschlossenes Vorgehen gegen tschetschenische Terroristen und die neue Öloligarchie verschafften dem ehemaligen Spion Popularität, und er wurde 2004 wiedergewählt, trotz der Bedenken vieler Menschen im In- und Ausland angesichts der Erosion der zerbrechlichen jungen russischen Demokratie.

Weitere Regionen

Preisniveau

Mahlzeiten

  • Einfache Mahlzeit: 110-200 R
  • Restaurant mittlerer Kategorie: 200-280 R
  • Luxusrestaurant: ab 440 R

Übernachtung

  • Einfache Unterkunft: 10-45 US-Dollar
  • Hotel mittlerer Kategorie: 45-80 US-Dollar
  • Luxushotel: ab 100 US-Dollar

Währung

Rubel (R)


  Top Copyright © 2002 Lonely Planet Publications   Drucken Bildergalerie Karte
© 2006 Lonely Planet Publications. Alle Rechte vorbehalten. Ohne schriftliche Genehmigung ist es nicht gestattet, die ganze oder auch nur Teile dieser Webseite zu nutzen.