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Kentucky - Amerika pur zwischen Whiskey, Bluegrass und alten Dampfern

Der perfekte Trip

Originaltext: Duncan Craig
Übersetzung: Alina Halbe, überarbeitet von Digital Redaktion
vom 14.10.2025
© Alexey Stiop, Shutterstock

Der Bundesstaat zwischen Indiana und Tennessee ist selbst für viele USA-Kenner ein weißer Fleck. Dabei könnte Amerika nicht echter sein als hier. Lonely Planet gibt dir einen Einblick auf einen 480 Kilometer langen Roadtrip durch den Bluegrass State, vorbei an Whiskey-Destillerien, urigen Country-Schuppen und piekfeinen Galopprennbahnen.

Louisville

© Mike Worley Photos, Shutterstock
Alte Schönheit - Eine Schifffahrt mit der "Belle of Louisville"

Der Anlegeplatz am Ohio River ist in Nebel gehüllt. Am Dock liegt ein Dampfschiff, hell erleuchtet und bereit zur Abendfahrt. Im Maschinenraum unter Deck arbeiten die Kessel auf Hochtouren. Ihr Dampf bringt die Kolben in Bewegung, die später das knallrote Schaufelrad am Rumpf des Schiffes antreiben. Am Anleger laufen derweil Besucher auf und ab: Sie warten darauf, endlich einsteigen zu können. In Nullkommanichts ist die Belle of Louisville voll. Mit tutendem Horn legt sie ab.

Eine Szene, die sich in Louisville schon unzählige Male so ereignet hat. Früher dümpelten am Anleger allerdings Dampfschiffe und Kohlenkähne neben schwimmenden Casinos. Postboten hantierten geschäftig mit Kisten voller Briefe und Pakete herum. Heute dagegen ist es weit weniger geschäftig hier: Die Belle of Louisville ist der einzige noch aktive Heckraddampfer.

"Sie ist ein schwimmendes Museum", sinniert Mark Doty unter seiner Kapitänsmütze vor sich hin. Seit drei Jahrzehnten ist er fast täglich auf der Belle, hat sich vom Maschinenraum bis auf die Brücke hochgearbeitet. 2007 übernahm er auf dem Stahlross als Kapitän das Steuer. "Wir benutzen noch die Maschinen von 1880. Das ist beeindruckend. Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Flugzeug fliegen, dessen Motor über 100 Jahre alt ist."

Gebaut wurde das Schiff 1914 in Pittsburgh. Es trug zunächst den Namen Idlewild. 1962 wurde es – stark renovierungsbedürftig – versteigert und auf den Namen Belle of Louisville umgetauft. Seit 1989 steht es unter Denkmalschutz. Ein Teil des Interieurs ist noch intakt, etwa der große Tanzsaal und die holzverkleidete Kapitänskabine. Zweimal am Tag tuckert die Belle auf Sightseeing-touren über den Ohio River. In ihrer Blütezeit schipperte sie nicht nur Touristen von A nach B. "Bis es hier Schienenverkehr gab, wurde alles auf dem Fluss transportiert: Essen, Getreide, Post. Das Vieh kam in die unteren Decks. Daher die Bezeichnung Vieh-Klasse", erklärt Doty.

Wie viele Südstaaten-Städte wurde Louisville durch den Flusshandel reich. Den einstigen Wohlstand sieht man heute an den Alleen im alten Teil der Stadt, wo sich viktorianische Villen aneinanderreihen. Als Schienen und Straßen gebaut wurden, ließ der Erfolg der Stadt nach. Erst seit Kurzem werden die baufälligen Gebiete entlang des Ufers mit Cafés, Restaurants und Shops wiederbelebt. "Louisville ist eine Flussstadt, ehrlich und einfach", sagt Doty und navigiert die Belle unter der Big Four Bridge hindurch. Oben quetscht die Rushhour den Verkehr über die Brücke, und unten tanzen die Lichter der Stadt auf dem Ohio River.

Owensboro und Rosine

© Barry Blackburn, Shutterstock
Die Bluegrass Band "Honeywind" sorgt für Stimmung.

Showtime in The Rosine Barn Jamboree! In der ehemaligen Scheune baumeln bunte Lichterketten von der Decke. Mittendrin ist ein Podest aufgebaut, davor eine kleine Tanzfläche. Eine Handvoll betagter Herren mit Cowboyhüten, Jeans und Turnschuhen entert die Bühne. Das Publikum wartet sichtlich entspannt und gut gelaunt auf den Stühlen und Sesseln drum herum.

"Guten Abend", schmettert Frontman Ralph ins Mikro und zieht seinen Cowboyhut zur Begrüßung. "Wir sind Chimney Branch aus Alabama und werden euch jetzt echten Bluegrass spielen." Die ersten Töne erklingen: Kontrabass, Mandoline, eine Geige, dazu näselnde Stimmen mit breitem Südstaaten-Akzent. Das Publikum johlt. Wer nicht tanzt, wippt zumindest mit den Füßen im Takt. Während drinnen die Stimmung steigt, stimmt vor der Scheune schon die nächste Band im Pick-up-Truck ihre Lieder an. Vor allem Musiker aus der Umgebung treten am Wochenende in Rosine auf. Das kleine Dorf im Ohio County hat kaum 100 Einwohner, fast jeder betreibt hier Landwirtschaft.

In diesem Nest wurde der Vater des Bluegrass, Bill Monroe, geboren. Mit seiner hohen Stimme und flinken Fingern an der Mandoline bastelte er aus alten Volksmusik-Rhythmen neue Lieder und schuf so ein eigenes Genre mit Fiedel, Gitarre, Banjo und Kontrabass. In den 30er-Jahren gründete er seine Band The Blue Grass Boys, benannt nach seiner Heimatregion.

Obwohl Amerika von Rock 'n' Roll über Blues bis hin zu Jazz viele Musikstile hervorgebracht hat, fängt doch keiner die amerikanische Seele so gut ein wie der Bluegrass. Seine Wurzeln hat er in alten Balladen, die die Siedler in den Appalachen spielten, als es weder Radio noch Grammofon gab. "Früher war die Musik ein fester Bestandteil im Alltag der Menschen. Alle wuchsen mit diesen Liedern auf", erklärt Campbell Mercer. Er selbst spielt in einer Bluegrass-Band, den Cumberland Highlanders. Wenn er nicht auf der Bühne steht, verwaltet er Bills Elternhaus, das im Jerusalem Ridge liegt, wie die Farm der Monroes heißt.

Im weiß-grün gestrichenen Holzhaus lernte Bill ein Repertoire an traditionellen Klängen kennen. Er bekam Unterricht von seinem Fiedel-Onkel, Pendleton Vandiver und vom Gitarristen Arnold Shultz, Sohn eines ehemaligen Sklaven. "Onkel Pen und Arnold haben Bill die Basis des Spielens beigebracht", sagt Mercer. "Aber er entwickelte die alten Songs weiter." Einst vom Musikbetrieb verpönt, erlebt der Bluegrass jetzt eine Wiederauferstehung. Bis zu 15.000 feierwütige Leute pilgern pro Jahr zum Kentucky ROMP Festival, das vom 24. bis 27. Juni am Ortsrand von Owensboro stattfindet und vom International Bluegrass Music Museum organisiert wird.

"Als ich noch ein Kind war, galt Bluegrass als Hillbilly-Musik, das heißt, es waren Lieder, die nur von hinterwäldlerischen Landeiern gehört wurde", sagt Mercer, als er über Tannenzapfen hinter Bills Haus stakst. "Jetzt sieht man den Einfluss der Musik überall. Bill würde sich freuen, wenn er das wüsste." Auf einer Lichtung hält er vor einer wackeligen Holzempore inmitten von Pinienbäumen an. Zu Ehren Bill Monroes feiert Jerusalem Ridge hier jedes Jahr im Oktober ein Bluegrass-Festival. Mercer lehnt sich an einen Baum und zupft ein paar Saiten an seiner Mandoline. Der Wind trägt die Melodie fort.

Bardstown

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In Bardstown steht definitiv ein Whiskey-Tasting auf dem Programm.

Der süße Duft von verkohltem Eichenholz liegt schwer in der Luft. In den dunklen Lagerhäusern von Heaven Hill Distillery stapeln sich Tausende von Fässern bis unter die Decke – jedes einzelne ein Versprechen auf flüssiges Gold. "Das hier ist unser heiliger Gral", sagt Master Distiller Conor O'Driscoll und klopft liebevoll gegen ein Fass aus dem Jahr 2015. "Bourbon ist Geduld in Flaschenform."

Bardstown nennt sich stolz Bourbon Capital of the World, und das nicht ohne Grund. Sechs der größten Destillerien Amerikas haben hier ihre Heimat, darunter Jim Beam, Maker's Mark und Wild Turkey. Die kleine Stadt mit ihren 13.000 Einwohnern produziert mehr Whiskey als der Rest der Welt zusammen.

Das Geheimnis liegt im Kalksteinwasser der Bluegrass-Region und der speziellen Mischung aus mindestens 51 Prozent Mais. Aber vor allem liegt es in der Zeit. "Mindestens zwei Jahre muss der Whiskey in neuen, ausgekohlten Eichenfässern reifen", erklärt O'Driscoll. "Die heißen Sommer und kalten Winter lassen das Holz arbeiten. Der Bourbon atmet mit den Jahreszeiten."

In der historischen Bardstown-Brennerei, wo 1896 der erste Bourbon destilliert wurde, führt O'Driscoll Besucher durch dampfende Maischebottiche und glänzende Kupferkessel. "Früher war jede Farm eine kleine Destillerie", sagt er. "Die Farmer verwandelten ihr überschüssiges Getreide in Whiskey – das war haltbarer und wertvoller als Mais."

Heute pilgern Bourbon-Liebhaber aus aller Welt auf die Kentucky Bourbon Trail, die acht Destillerien miteinander verbindet. In Bardstown endet meist jede Tour im Oscar Getz Museum of Whiskey History, wo antike Flaschen und Prohibition-Geschichten die wilde Vergangenheit des amerikanischen Whiskeys erzählen.

"Bourbon ist unser Botschafter", sagt O'Driscoll und prostet mit einem Glas 12-jährigem Single Barrel zu. "Jeder Schluck erzählt die Geschichte Kentuckys: von den ersten Pionieren bis heute." Der Whiskey brennt sanft in der Kehle und hinterlässt den Geschmack von Vanille, Karamell und einem Hauch von Heimat.

Kentucky Short - Das Wichtigste

© Thomas Kelley, Shutterstock
Auch interessant: In Kentucky liegt die Wiege des Pferderennsports.

Hinkommen

Kentucky erreichst du am besten über den Louisville Muhammad Ali International Airport oder den Blue Grass Airport in Lexington. Direktflüge aus Deutschland gibt es nicht – meist fliegst du über Atlanta, Chicago oder New York. Delta, American Airlines und United bieten gute Verbindungen (delta.com, aa.com). Alternativ fliegst du nach Nashville (Tennessee) und fährst zwei Stunden mit dem Mietwagen nach Kentucky.

Herumkommen

Für den Kentucky-Roadtrip ist ein Auto unverzichtbar. Alle großen Mietwagen-Anbieter sind an den Flughäfen vertreten: Hertz, Avis, Enterprise und Budget. Die Highways sind gut ausgebaut, Mautgebühren gibt es kaum. Tanken ist günstig, Parkplätze meist kostenlos. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nur in Louisville und Lexington.

Klima

Kentucky hat ein gemäßigtes Kontinentalklima mit vier ausgeprägten Jahreszeiten. Die beste Reisezeit ist April bis Juni und September bis Oktober: angenehme 20-25°C, wenig Regen und spektakuläre Herbstfarben. Juli und August können schwül werden (bis 35°C), Winter sind mild aber unberechenbar.

On the Road - Für Unterwegs

© Ivelin Denev, Shutterstock
Der Kentucky River bahnt sich seinen Weg durch die Bluegrass Region.
  • Naschen Hot Brown, Kentuckys Sandwich-Klassiker: geröstetes Brot mit Truthahn, Speck und Mornay-Sauce überbacken. Erfunden 1926 im Brown Hotel in Louisville.

  • Trinken Mint Julep, der offizielle Cocktail des Kentucky Derby: Bourbon, frische Minze, Zucker und Crushed Ice im silbernen Becher. Perfekt an heißen Sommertagen.

  • Spielen Horseshoes (Hufeisen werfen) ist Kentuckys Volkssport. Ziel ist es, Hufeisen über einen Pflock zu werfen. Jeder Hinterhof hat eine Bahn.

  • Kaufen Handgefertigte Quilts aus den Appalachen sind echte Kunstwerke. Besonders schön sind die Muster aus Berea, der "Folk Arts and Crafts Capital of Kentucky".

  • Probieren Burgoo, Kentuckys Eintopf-Legende: Ein herzhafter Mix aus Fleisch und Gemüse, der stundenlang köchelt. Jede Familie hat ihr eigenes Geheimrezept. Am besten bei lokalen Festivals.

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