Der perfekte Trip - BorneoDas Überraschungsei der Tropen

Ein Mitglied des Iban-Stammes © Matt Munro
Ein Mitglied des Iban-Stammes © Matt Munro

Wilde (Dschungel-)Tiere beobachten, einen Viertausender erklimmen, beim Inselhopping an Traumstränden abhängen… Und, ach ja, traditionelle Kultur der einheimischen Volksstämme zu erleben wäre auch noch schön? Man kann nicht alles haben, sagen die Unwissenden. Kenner empfehlen das Überraschungsei der Tropen: Borneo, die Insel im Malaiischen Archipel.

Semenggoh-Wildreservat

Orang-Utans zum Anfassen

Der Alptraum jeder Köchin: Keiner fasst das Mittagessen an. An der Futterstelle im Semenggoh-Wildtierreservat türmen sich Bananen, Jackfruits und Kokosnüsse, aber von den Essensgästen keine Spur. Nur ein paar Eichhörnchen freuen sich über die üppigen Fruchtberge, die in der dunstigen Tropenluft langsam vor sich hin reifen. Doch die Ruhe hält nicht lange vor. Schon hört man das Knacken kleiner Äste im Gestrüpp – und plötzlich erscheint ein Gesicht zwischen den Baumwipfeln: zwei schokobraune Augen und aufgeplusterte Backen, eingerahmt von struppigem, zimtfarbenem Fell. 

„Das ist Richie“, sagt John Wen, ein Mitarbeiter des Reservats, „der Boss der Familie, wir nennen ihn King.“ Der König trottet gemächlich aus dem Wald – imposant, als würde er auf geballten Fäusten balancieren. „Er ist sehr launisch“, flüstert John, „darum lässt ihn der Rest der Familie zuerst essen. Wir haben alle gelernt, dass es keine gute Idee ist, zwischen ihn und sein Lunch zu geraten.“ Richie packt sich einen Arm voller Früchte und verschwindet wieder im Dickicht des Waldes. Kaum ist er weg, schwingen sich die anderen Familienmitglieder von den  Ästen herunter, schieben sich Früchte zwischen die Zähne, schlagen dabei ein Rad oder baumeln kopfüber am Baum.

Was so putzig aussieht, hat einen trau­rigen Hintergrund: Von allen Wildtieren Borneos ist keines so gefährdet wie der „Waldmann“, wie die Einheimischen den Orang-Utan nennen. Der einzige Riesenaffe Asiens lebt nur noch in Sumatra und Borneo in freier Natur. Doch auch hier ist sein Lebensraum in Gefahr: Immer weiter fressen sich die Motorsägen in den Wald hinein, überall werden Palmenplantagen angelegt. Palmöl ist eben lukrativer als schnöder Regenwald. Hinzu kommt: Die Tiere werden – wenn auch illegal – immer noch gejagt und tot oder lebendig ins Ausland verkauft. Werden sie befreit, landen sie in einer der drei Aufzuchtstationen in Sarawak. Semenggoh, das 1975 gegrün­dete Rehabilitationszentrum, ist mit  7,4 Quadratkilometern geschütztem Gebiet das größte und Heimat für derzeit 27 Orang-Utans. Hier werden sie aufgepäppelt und auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. „Manche sind sehr sozial und entfernen sich nie allzu weit von uns“, erzählt John. „Andere lassen sich höchstens einmal im Monat blicken, vor allem während der Früchtesaison, wenn sie ihr Essen leicht selbst im Wald finden.“

Eine Orang-Utan-Mutter knackt eine Kokosnuss und schüttet Milch in ihr Maul, während ihr Baby an ihrer Mähne zerrt. „Wir wissen immer noch wenig darüber, wie sie denken und kommunizieren“, fügt er hinzu, als Mutter und Tochter ein paar Synchronsaltos schlagen. „In vielem sind sie wie wir, aber es sind nun mal wilde Kreaturen. Und wir sorgen dafür, dass sie das auch bleiben können.“

Nanga Delok

Stammeskultur entdecken

Der Tag ist noch nicht angebrochen, doch die Arbeiten im Langhaus in Nanga Delok sind längst in vollem Gange. Männer breiten ihre Fischernetze aus, Frauen braten ein paar Frühstücksnudeln, ehe sie sich ihre Rattankörbe umschnallen und zur Arbeit aufs Reisfeld gehen. In den ersten Sonnenstrahlen rekeln sich Hunde, Schweine schnüffeln zwischen den Pfahlbauten und das Krähen eines Hahns echot übers Flussufer. Der Geruch von Holzfeuer und Kohle liegt in der Luft. Das ist keine Kitsch-Szene aus einem verklärten Film, sondern Alltag in Nanga Delok.

Das Langhaus, das in den grünen Hängen am Ufer des Jelia liegt, etwa eine 50-minütige Bootsfahrt von der nächstgelegenen Straße entfernt, gehört den Iban, dem größten der rund 20 Volksstämme, die die Bevölkerung von Sarawak ausmachen. Die Iban sind Dschungelbewohner, sie leben von dem, was sie anbauen, ernten und herstellen. Der Dschungel gibt ihnen alles, was sie zum Leben brauchen: Nahrung, Medizin, Arbeitsmaterialien – und Antworten auf Sinnfragen. „Er erzählt uns Geschichten“, sagt Tiyon Juna, „die uns helfen zu verstehen, wie wir entstanden sind.“ Tiyon ist unser Guide und selbst hier aufgewachsen. Er zeigt seine Tattoos, die Arme und Brustkorb  bedecken. Jedes markiert einen Meilenstein seiner Biografie.

Dreh- und Angelpunkt im Leben eines Iban ist ein riesiges, langgezogenes Haus, dem er sein ganzes Leben verbunden bleibt, selbst wenn er nicht mehr dort wohnt. Hier finden alle wichtigen Events statt: Beerdigungen, Hochzeiten, Geburten. Ein Langhaus beherbergt eine ganze Dorfgemeinschaft und bietet bis zu 50 Familien ein „privates“ Abteil – wenn man den Begriff Privatheit etwas dehn­bar auslegt. Die Veranda ist Gemeinschaftsraum, Lager und Versammlungsort. Früher wurden die Langhäuser aus Holz gebaut, doch die Vorteile von Beton und Gipsputz halten leider keiner Holz­romantik stand. Nanga Delok ist eines der letzten Gebäude, das noch aus Holz und Stroh besteht.

Die Dorfbewohner verbringen ihre Zeit genauso, wie ihre Ur- und Ururgroßväter sie verbracht haben: mit Fischen, Handwerken und Reisanbau – nur dass sie heute fließend Wasser, Strom und Fernseher haben. Doch trotz aller Satellitenschüsseln fühlt sich Nanga Delok Lichtjahre von der Außenwelt entfernt an, vor allem wenn es dunkel wird, der Dorfgenerator abgestellt wird und das Summen der Insekten die Luft erfüllt.  

„Auch wenn ich heute die meiste Zeit in der Stadt verbringe, fühle ich mich nur hier zu Hause“, sagt Tiyon, als er ein Barbecue aus Fisch, Huhn und in Bambus gedämpften Farnen zubereitet. „An diesem Ort spüre ich die starke Verbindung zu meinen Vorfahren.“ Er kniet am Boden und pustet ins Feuer. Unten am Fluss gleitet geräuschlos ein alter Bootsmann mit freiem Oberkörper vorbei. Seine Tattoos, die jeden Zentimeter Haut bedecken, ließen jeden Fußballprofi vor Neid erblassen. Er be­obachtet Tiyon eine Weile, dann hebt er sein Ruder schweigend zum Gruß und verschwindet im Morgennebel.

Text: Oliver Barry, deutsche Bearbeitung: Miriam Collée, Titelbild: Matt Munro

Den vollständigen Artikel mit Infos zu den felsigen Bergen, den einsamen Stränden und dem unberührten Dschungel Borneos finden Sie in der November-Ausgabe des Lonely Planet Traveller. Außerdem: Hintergrundinfos zu dem Iban-Stamm.

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Das Wichtigste

Hinkommen

Ab Frankfurt a. M. und München via Singapur mit Singapore Airlines (singaporeair.com) nach Kuching oder mit Cathay Pacific (cathaypacific.com) via Hongkong nach Kota Kinabalu. Ab Wien und Zürich fliegt Emirates (emirates.com) via Dubai nach Kuala Lumpur, weiter mit Air Asia (airasia.com). 

Herumkommen

Air Asia fliegt äußerst preis­wert zwischen Kuching und Kota Kinabalu (ab ca. 35 €, airasia.com). Ebenfalls sehr günstig sind Busse und sogar Taxis.

Weiterlesen

„Malaysia, Brunei und Singa­pore" (Stefan Loose, 26,99 €). Gut: sarawaktourism.com und sabahtourism.com.m.

Weitere Infos (Semenggoh)

  • Während der Früchtesaison sind nur wenige Orang-Utans im Semenggoh-Wildtierreservat zu sehen. Eintritt ca. 1,30 €, sarawakforestry.com.

Übernachtungstipp

  • Borneo Highlands Resort: Die auf der Spitze eines Hügels gelegene (Golf-)Anlage dehnt sich mitten in einer traumhaften Hügellandschaft aus und hat ein tolles Restaurant, das Kreationen wie scharfen Tofu mit kurz angebratenem Gemüse auftischt (DZ ab ca. 46 €, Gerichte um ca. 13 €, borneohighlands.com.my).

Weitere Infos (Nanga Delok)

  • „Planet Borneo Tours“ bietet Ausflüge nach Batang Ai inklusive einer Nacht im „Nanga Delok Longhouse“, Reiseführer sowie Transfer (3-Tages-Trips ab ca. 530 €  p. P., planetborneotours.com).

Übernachtungstipp

  • Batang Ai Longhouse Resort: Wer die Atmosphäre eines traditionellen Langhauses sucht, aber nicht ohne Boxspringmatratze und Klimaanlage auskommt, checkt im „Batang Ai Longhouse Resort“ ein. Mit Pool und gutem Restaurant (DZ ab ca. 75 €, batang.hilton.com).
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