Spurensuche in TranssilvanienEinmal gruseln, bitte!

Das Dorf Miklósvár © Matt Munro
Das Dorf Miklósvár © Matt Munro

Bis heute kreisen schaurige Geschichten von Vampiren, Werwölfen und Hexen über Transsilvaniens Wäldern und Gipfeln. Doch was steckt hinter diesen unheimlichen Mythen? 

Noch mehr Eindrücke aus Transsilvanien im Anschluss an die Reportage

Das Gefühl verfolgt einen auf Schritt und Tritt: Dieses leichte Schaudern, das sich abends zu einem ausgewachsenen Gruseln steigert. Spätestens wenn es dämmert, spuken einem die Bilder im Kopf herum, ob man will oder nicht. Sie stammen aus Erzählungen, Büchern oder Filmen. Zu Hause auf dem Sofa genießt man den wohligen Nervenkitzel, den sie verbreiten. Doch erst in Transsilvanien, auch bekannt als Siebenbürgen, entfalten sie ihre volle Wirkung. Je tiefer die Sonne sinkt, desto lebendiger wird das Kopfkino. Schließlich könnte er hinter jeder Ecke lauern: Dracula, der bekannteste Vampir der Welt. Das Gebiet im Herzen Rumäniens ist seine Heimat. Und bis heute ist er in Transsilvanien allgegenwärtig, sein Konterfei prangt auf T-Shirts, Schlüsselanhängern und Kaffeetassen.

Im Jahr 1897 hatte Bram Stoker den Fürsten der Fin­sternis ins Leben gerufen. Inspiriert wurde der irische Schriftsteller von der Legende um den Fürsten Vlad III. Drăculea. Der grausame Herrscher, der von 1448 bis 1476 das Fürstentum der Walachei regierte, spießte seine Gegner mit Vorliebe auf Holzpfählen auf. Das brachte ihm den Beinamen Țepeș (auf Deutsch Pfähler) ein.

Wer nach Spuren des Blutsaugers sucht, kommt an Schloss Bran nicht vorbei. Die mächtige Festung, rund 30 Kilometer von der Stadt Brașov entfernt, wurde im 14. Jahrhundert als Grenz- und Zollburg erbaut. Noch während Diktator Nicolae Ceaușescu Rumänien regierte, wurde sie zum Dracula-Schloss erklärt und entwickelte sich zum Touristenmagneten. 2006 erhielten die rechtmäßigen Besitzer, die Geschwister Dominic, Maria Magdalena und Elisabeth von Habsburg, die Festung zurück. Das Bollwerk mit seinen vielen Geheim­gängen ist das ideale Versteck für eine finstere Gestalt. Allerdings gibt es keinen Beweis dafür, dass Vlad III. jemals auf dem Schloss lebte. Das Anwesen, auf dem er tatsächlich residierte, ist heute eine Ruine in Poienari, etwa 250 Kilometer nördlich von Brașov. „Bei all den Sagen und Mythen um Dracula ist es manchmal schwer zu sagen, was Wahrheit und was Legende ist“, erklärt Geschichtsprofessor Dr. Nicolae Teşculă. Sein Blick schweift über die roten Dächer von Sighişoara, der Geburtsstätte von Vlad III. Mittelalterliche Kaufmannshäuser säumen die engen Gassen der Hügelsiedlung, in die Innenhöfe gelangt man nur durch wuchtige Eingangstore. Ein Rabe stolziert krächzend über das Kopfsteinpflaster und aus der Ferne hört man das Echo einer Kirchenglocke. „Es stimmt, Dracula war ein brutaler Kämpfer“, so Teșculă. „Doch von den meisten wird er sogar als Held betrachtet. Schließlich beschützte er Transsilvanien gegen die Osmanen und rettete auf diese Weise unsere Kultur.“

Während der Professor über die vereisten Straßen der Stadt stakst, erzählt er, was es mit dem „echten“ Dracula auf sich hat. Dessen Vater war Anhänger eines katholischen Adelsordens und bekam den Beina­men Dracul, der Drache. Drăculea bedeutet also schlichtweg „Sohn des Drachens“. Vlads Ruf als Pfähler und zahlreiche der Gruselgeschichten über ihn gehen vor allem auf seine Feinde zurück, die seine Gräueltaten aus Rache übertrieben grausam schilderten. „Die wahre Geschichte hinter dem weltberühmten Mythos interessiert leider die wenigsten“, sagt Teşculă und deutet auf einen Souvenirstand, an dem sich Touristen mit Kruzifixen aus Plastik und Vampir-Bechern eindecken. „Wahrscheinlich wird Graf Draculas Legende uns alle überleben. Er ist eben unsterblich.“ Langsam schreitet der Professor zum prächtigen Stundturm von Sighișoara, während die Dunkelheit über den schneebedeckten Hügeln hereinbricht und ein Vogelschwarm über den Himmel zieht. „So ist  das nun mal mit den guten Geschichten“, sinniert Teşculă. „Sie haben irgendwann ein Eigenleben.“ 

Es ist ein klirrend kalter Winterabend im Örtchen Miklósvár, rund 95 Kilometer südöstlich von Sighişoara. Eiszapfen hängen von den Ästen und die letzten Sonnenstrahlen lassen den Waldboden silbrig glitzern. Nur das Knistern des Lagerfeuers und das Gestampfe von Pferdehufen durchdringen die Stille. Graf Tibor Kálnoky steht in einem seiner vielen renovierten Landhäuser, deren Apartments er an Reisende vermietet. Wer den Raum betritt, fühlt sich wie im Märchen: Dicke Eichenbalken stützen die Decke, rauer Putz überzieht die Wände, ein alter Kachelofen strahlt wohlige Wärme in den Raum. „Keine Angst, wenn Sie später Geräusche hören. Das wird wahrscheinlich der Nachtwächter sein, der seine Runde durchs Dorf macht“, sagt der Graf und deutet auf ein Bündel Knoblauchzehen im Flur. 

Mit seinem adrett gescheitelten Haar, der Reithose und den kniehohen Stiefeln sieht Graf Kálnoky nicht unbedingt aus wie ein Mann, der an Hexenmagie und Gruselgeschichten glaubt. Den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er im Exil. Erst 1997, knapp zehn Jahre nach Ceaușescus Tod und dem Fall seines sozialistischen Regimes, kehrte der Adlige heim, um in einem zähen Rechtsstreit die Ländereien seiner Familie zurück­zubekommen. Jetzt hebt Graf Kálnoky seine Stimme und erzählt von seiner ersten Begegnung mit der Dorfhexe. „Einer meiner Söhne war Schlafwandler. Jede Nacht ist er aufgestanden und durchs Haus gelaufen“, sagt er und schenkt eine Runde vom Obstbrand Pálinka aus. „Meine Frau und ich wussten keinen Rat. Dann hörte ich von einer alten Dame namens Marika Neni. Hier im Dorf nennen sie alle nur Tantchen.“ Er nippt am Schnaps. „In einem Eisentopf schmolz sie einen Klumpen Blei und beobachtete, wie es sich beim Abkühlen formte. Dann sagte sie ein paar Sprüche auf, gab uns das Blei und befahl uns, es unter das Kopfkissen unseres Sohnes zu legen.“ Der Graf stürzt den Rest seines Pálinkas hinunter und grinst spitzbübisch. „Ob Sie es glauben oder nicht, seitdem ist mein Sohn nie mehr schlafgewandelt.“

Text: Oliver Berry, deutsche Bearbeitung: Alina Halbe, Titelbild: Matt Munro

Die vollständige Reportage mit Mythen und Märchen Transsilvaniens finden Sie in der Januar/Februar-Ausgabe des Lonely Planet Traveller.

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Ab Frankfurt a. M. fliegen Lufthansa (lufthansa.com) und Tarom (tarom.ro) non-stop nach Bukarest. Ab Zürich geht’s mit Swiss (swiss.com), ab Wien mit Austrian Airlines (austrian.com) direkt in die rumänische Hauptstadt. 

Herumkommen

Wer in Trans­silvanien mit dem öffentlichen Nahverkehr reist, braucht viel Geduld. Am bes­ten steigen Sie am Flug­ha­fen auf einen Mietwagen um. Im Winter ist Allradan­trieb unerlässlich. Knapp drei Stunden braucht der Zug von Bukarest nach Braşov (Ticket ab ca. 11 €, cfrcalatori.ro).

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Der Baedeker-Reiseführer „Rumänien“ (22,99 €) informiert umfassend. Mehr zu den Regionen und Aktuelles: rumaenien-tourismus.de.

Insider-Tipps für Ihren Trip

  • Ungefähr auf halber Strecke zwischen Bu­karest und Miklósvár liegt Braşov (Kronstadt) mit seinem mittelalterlichen Stadtkern. Das Chambers & Charm thront auf einem Hügel über der Stadt, die Zimmer des Boutiquehotels sind stilvoll ein­gerichtet (DZ ab ca. 70 €, chambers-charm.ro).
  • Wohnen wie der Adel: Graf Kálnokys Anwesen liegen in und um Miklósvár. Wer sich in einem seiner urigen renovierten Häuschen einquartiert, kann abends ein Drei-Gänge-Menü im Keller des Haupthauses genießen (Unterkunft ab ca. 98 €, transylvaniancastle.com).
  • Sighişoara (Schäßburg) hat bunte Häuser, verwinkelte Gassen und charmante Läden. Auf all das hat man vom Uhrturm Turnul cu Ceas aus den besten Blick. Das Restaurant vom Hotel Sighişoara tischt regionale Speisen wie Gulasch auf (Gericht ab ca. 10 €, sighisoarahotels.ro).
  • Knapp 30 Kilometer von Braşov entfernt leben etwa 70 Braunbären, die zuvor als Zirkus- oder Tanzbären unter misera­blen Umständen gehalten wurden. Das 70 Hektar große Bärenasyl ist kein Zoo, Besuche müssen angemeldet werden (Ticket ab ca. 9 €, ampbears.ro/en/bear-sanctuary).
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