Schweizer AlpenDer Zauberberg

©Justin Foulkes
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Jeden Winter pilgern Besucher auf Schneeschuhen zum Großen St. Bernhard im Schweizer Kanton Wallis. Hier, auf 2500 Metern Höhe, heißt sie ein wundersamer Zufluchtsort willkommen: eine schlossähnliche Herberge mitten im eisigen Nirgendwo. Der Aufenthalt dort lässt keine Seele unberührt…

Es dauert fünf Minuten, den Großen-St.-Bernhard-Tunnel zu durchqueren. Fünf Minuten, um 5000 Meter unter den Alpen über die Grenze nach Italien zu fahren, die Holzschindel-Chalets hinter sich zu lassen und auf der Piazza ein Glas Chianti zu bestellen. Gerade genug Zeit, um hinter dem Lenkrad Puccinis "Nessun Dorma" lauthals mitzusingen oder sich an einem leichten Jodler zu versuchen. Hier unten hört einen ja niemand. Es gibt aber noch einen anderen Weg, um vom Wallis ins italienische Aostatal zu gelangen. Und der verläuft 7500 Meter über den Autos, ja, sogar über den meisten Walliser Gipfeln: der Große St. Bernhard, eine Art Autobahn aus Eis und Schnee. Der Pass galt schon im Römischen Reich als einer der wichtigsten – und gefährlichsten – Alpenübergänge Europas. "Im Sommer ist das Passieren kein Problem", wiegelt Eric Berclaz ab und lehnt sich auf seine Skistöcke. "Aber im Winter sollte man schon genau wissen, was man tut." Eric ist Bergführer und nebenbei auch derjenige, der entscheidet, wann der Große St. Bernhard für den Autoverkehr geöffnet wird und wann nicht. Winter ist hier oben nämlich ein dehnbarer Begriff. Es sind nur acht bis zehn Wochen pro Jahr, in denen genug Schnee schmilzt, um Touristen in ihren Autos hinaufzulassen, damit sie die Aussicht genießen und vielleicht noch einen Plüsch-Bernhardiner oder Kühlschrankmagneten vom Kiosk kaufen können. Von September bis Juni verwandelt sich der Pass in die Eiswelt von Narnia: Straßen sind tief im Schnee versunken und die Temperaturen fallen auf bis zu –30 °C. Wer in dieser Zeit die Alpen obenrum überqueren möchte, braucht keinen Geländewagen, sondern Ski oder Schneeschuhe. Die dreistündige Wanderung hinauf zum Gipfel startet gleich hinter der Tunneleinfahrt und ist wie eine Reise in der Zeitmaschine: Unten im Tal sitzen die Urlauber in den Cafés bei Kaffee und Kuchen, oben herrschen tiefster Winter und – Stille.

Nur ein paar Raben krächzen dazwischen, ab und zu summen die Starkstrom-Oberleitungen, die Schweizer Elektrizität zu den italienischen Espressomaschinen und Fernsehern bringen. Nur vereinzelt huschen ein paar Snowboarder vorbei. Heute ist der Große St. Bernhard hauptsächlich für Freizeitsport zuständig. Das war noch anders bevor in den 1960er-Jahren der Tunnel gebaut wurde: Wer aus dem Norden Richtung Poebene unterwegs war, kam an ihm nicht vorbei. Römische Legionäre, Pilger, die von Canterbury nach Rom wollten, die 40.000 Mann starke Armee, die Napoleon über den Pass jagte, oder kleine Zigarettenschmuggler – sie alle mussten sich zu Fuß durch die Schneemassen kämpfen. Und nicht wenige der Reisenden, die seit Jahrhunderten hier vorbeiziehen, verschluckte der Große St. Bernhard auch ganz. Sie werden erst ein gewaltiges Rumpeln gehört haben: jenes, wenn die Schneedecke auf den Pisten über einem bricht. Dann werden sie gemeinsam mit einer Flutwelle weißen Pulverschnees bergab gestrudelt sein, bis es schließlich ganz schwarz um sie wurde. Wer von einer Lawine begraben wird, dem bleiben im Schnitt noch 15 Minuten, ehe er erstickt. 15 Minuten voller Panik, Kälte, leichtem Bewusstseinsverlust. Am Tor zum Jenseits stehend werden sie, wenn sie Glück hatten, einer riesenhaften Bestie begegnet sein, etwa von der Größe eines Shetlandponys, mit Pranken und einem sabbernden, schlabbernden Maul, das an die Niagara-Fälle erinnert. Sie werden von Männern in wehenden Roben zu einem schlossähnlichen Gebäude getragen worden sein, das hoch oben am Himmel steht, mit Tee und warmen Decken aufgepäppelt worden sein und sich gefragt haben: Träume ich? Das St.-Bernhard-Hospiz ist kein Traum. Es taucht oben, auf dem höchsten Punkt des Alpenpasses, eng umschlossen von steil aufragenden Bergflanken mitten in der Wildnis auf, als Eric mit seinem Skistock auf ein großes, mit Eiszapfen behangenes Tor deutet. Schneeflocken pfeifen um die Dächer, wirbeln vor den Fenstern herum und legen sich zu den anderen, die die Fenster bereits zur Hälfte eingeschneit haben. Das Hospiz wurde im 11. Jahrhundert von Chorherren des Augustinerordens gegründet, um Reisenden Unterschlupf und Schutz vor den Gefahren der Berge und des Winters zu gewähren. Dazu züchteten sie hier oben Hunde, die sich für die Bergrettung am besten eignen: große, stämmige, mit dickem, kälteunempfindlichem Fell und noch dickeren Spürnasen: Bernhardiner. ...

Text: Oliver Smith, deutsche Bearbeitung: Miriam Collée, Fotos: Justin Foukes

Den vollständigen Artikel mit Infos zum Großen St. Bernhard findest du in der Dezember-Ausgabe des Lonely Planet Traveller. 

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