Nördliches MontenegroAuf Entdeckungstour durch Montenegros unbekannten Norden

Das Moraca-Kloster, das Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, zählt zu den Highlights Montenegros © Goncharovaia / Shutterstock
Das Moraca-Kloster, das Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, zählt zu den Highlights Montenegros © Goncharovaia / Shutterstock

Der Norden Montenegros lockt mit unzähligen Hochland-Abenteuern. Die großartigen Landschaften, die man beispielsweise in den Nationalparks von Durmitor, Biogradska Gora und Prokletije vorfindet, sind ein Traumziel für alle Arten von Outdoor-Aktivitäten: von Wandern über Mountainbiking bis hin zu Kanufahren und Rafting. Aber auch für alle, die es lieber entspannt mögen, lohnt es sich, die zerklüftete Region mit ihrem kulturellen und historischen Erbe, der fröhlichen Lebensart, den leckeren Naturprodukten und ihrer ländlichen Gastfreundlichkeit zu entdecken.

Die kulturelle Route

Das Herzstück von Montenegros nördlichem Gebirge – das die Regionen von Bjelasica, Komovi und Prokletije umfasst – wird weitaus weniger stark besucht als der Rest des Landes. Nichtsdestotrotz verbindet die offizielle Kulturroute (northernexposure.me) geschickt die wichtigsten Dörfer miteinander und bietet einen Einblick in das reiche Erbe von Orten, die man nur selten im Reiseführer findet.

Nur 25 km vom Skigebiet Kolašin entfernt (dem Ausgangspunkt, um den Biogradska Gora Nationalpark und das Bjelasica Gebirge zu erkunden), befindet sich das Morača-Kloster, das Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde und zu den kulturellen Höhepunkten des Landes zählt.  Nach einer rasanten Bootsfahrt durch die Schlucht des Morača-Flusses bietet das Kloster, das sich über den eindrucksvollen Canyon erhebt, eine willkommene Verschnaufpause.

An diesem Ort der Ruhe findet man neben den dort lebenden Mönchen, die sich um ihre Bienenstöcke kümmern, auch farbenfrohe, bildhafte Fresken, die bereits vor Jahrhunderten von Meistern der orthodox-religiösen Kunst gemalt wurden. Besonderes Highlight für Buchliebhaber: Die Schatzkammer des Klosters hütet eine seltene Ausgabe des Oktoich (1493), dem ersten kyrillischen Buch, das in einer südslawischen Sprache gedruckt wurde.

Direkt vor den Toren der Nationalparks von Biogradska Gora und Durmitor, die mit attraktiven Mountainbike- und Wanderstrecken aufwarten, liegt das Dorf Mojkovac, das während des ersten Weltkrieges Schauplatz einer berüchtigten (und erbitterten) Schlacht war, in welcher die unerschütterlichen Truppen Montenegros die übermächtige Armee Österreich-Ungarns vernichtend schlugen. Unweit des Schlachtfeldes kann man immer noch die Überreste der ehemaligen Schützengräben erkennen. Hier befindet sich auch das Symbol der Stadt: Ein Denkmal zu Ehren der Helden der Schlacht von Mojkovac.

Unterhält man sich mit Einheimischen über den tief verwurzelten Ehrenkodex der Region, čojstvo i junaštvo (Menschlichkeit und Mut), stellt man schnell fest, dass der Ruhm vergangener Krieger bis heute eine wichtige Quelle für den Stolz der Einwohner ist.

Die kleinen Städte Plav und Gusinje sind das Tor zum Prokletije-Nationalpark und zeichnen sich durch eine idyllische Kulisse und Überreste der Osmanischen Ära aus. Erstere liegt an den Ufern des mit Seerosen gesprenkelten Plav-Sees, während letztere direkt an den Ali-Pasha-Karstquellen, in den Ausläufern der „Verwunschenen Berge“ des Prokletije zu finden ist. In beiden Städten befinden sich interessante Moscheen aus verschiedenen Jahrhunderten.

In Plav lohnt sich ein Blick auf die aufwendigen Arabesken der Kaisermoschee und die stufenförmigen Kuppeln der Sultanija-Moschee; in Gusinje solltest man die Vizier-Moschee mit ihren schmalen Minaretten und dem hölzernen Portal nicht verpassen. Ein einzigartiges Beispiel für die osmanische Architektur der Region sowie Zeugnis der turbulenten Vergangenheit ist die Kula, ein bewohnbarer Verteidigungsturm, der Familien in Belagerungszeiten Schutz bot. Besonders die aus dem 17. Jahrhundert stammende Redžepagića Kula in Plav ruft diese Vergangenheit in Erinnerung: Neben zwei unteren Stockwerken mit meterdicken Steinmauern hat sie auch einen drittes, hölzernes Stockwerk mit herausragenden Balkonen und aufwendigen Holzschnitzereien.

Es gibt wohl kein passenderes Souvenir aus Montenegros Hochland als Handarbeiten aus Wolle. Das Geschäft Niti im Dorf Bijelo Polje gilt dabei als die beste Adresse, um exzellent verarbeiteten Produkte zu kaufen. Von Schals bis hin zu Socken kann man sich hier sprichwörtlich von Kopf bis Fuß mit den hochwertigen Schafwollprodukten im farbenfrohen, folkloristischen Design eindecken.

Oder aber, man entscheidet sich für einen Teppich, Vorhänge oder sogar ein gerahmtes Bild (hergestellt aus Wolle mithilfe einer speziellen Technik, die sich suvo pustovanje nennt), um sein Zuhause zu verschönern. Die Produkte, deren Herstellung zum Ziel hat, die traditionellen Techniken des Webens, Strickens und Stickens zu erhalten, werden von ortsansässigen Frauen in Gemeinschaftsarbeit angefertigt.  Auch dem Prince of Wales und der Herzogin von Cornwall fielen die wunderschönen Handarbeiten bei ihrem Besuch in Montenegro im Jahr 2016 ins Auge.

Veranstaltungskalender

Abenteuer in der Natur, die das Adrenalinlevel nach oben schnellen lassen, Festessen für Foodies oder Berg-Feste: In Montenegros Bergen weiß man ganz genau, wie man eine ordentliche Party schmeißt.

Das wichtigste Event der Region, das Anfang September stattfindet, trägt den passenden Namen „Northern Challenge“ (mojkovac.travel). Das immer beliebter werdende Abenteuerrennen startet in Mojkovac und verläuft entlang dreier landschaftlich reizvoller Etappen: Eine 12 km lange Kajak-Route führt  entlang des Tara Flusses bis nach Kaludra, eine 9 km langer Lauf von Kaludra zur Ružica-Kirche auf dem Sinjajevina-Berg und ein 26 km langer Rad-Abschnitt über Bergwiesen und durch Buchenwälder zurück nach Mojkovac. Der umweltfreundliche Ansatz des Events zeigt sich in den sieben „Leave-no-trace“-Prinzipien der Veranstalter.

Die fröhliche Lim-Regatta (toplav.me; Ende Mai oder Anfang Juni) bringt seit 2000 Rafting-Fans aus dem gesamten Balkan zusammen und führt über eine 134 km lange Route vom Plav-See über Andrijevica, Berane und Bijelo Polje nach Prijepolje, das hinter der serbischen Grenze liegt. Das über einen Zeitraum von drei Tagen stattfindende Rafting-Fest dauert ungefähr 20 Stunden. Sein Höhepunkt ist die anspruchsvolle Navigation durch die grünen Tiefen und Stromschnellen des Flusses Lim, die mit Schwierigkeitsgrad IV bewertet sind und an den 400 m hohen Klippen der Tifran-Schlucht vorbeiführen.

 

 

Eine komplett andere Erfahrung bietet das mehrtägige Summer Tango Camp, das im August stattfindet und Tango, modernes Ballett und Yoga auf eine neue Ebene hebt und mit Outdoor-Aktivitäten in den Bergen in und um Kolašin verbindet. Das Tamburaši-Festival unterdessen belebt im Juli für einige Tage die Stadt Bijelo Polje: Volkstümliche Gruppen spielen eine unterhaltsame Auswahl traditioneller Lieder und zeigen ihre Kunstfertigkeit auf der Geige, der Gitarre, dem Akkordeon und der Tambura (verwandt mit der Laute oder der Mandoline).

Heidelbeeren bedecken die Landschaften der Region des Prokletije – angeblich die größte natürliche Heidelbeer-Plantage der Welt – und Plavs Heidelbeertage Ende Juli sind ein wahrhaftes Waldbeer-Festessen mit Süßem, Wein und vielem mehr. Die Pljevlja-Käse-Tage, die Ende Oktober stattfinden, sind außerdem der perfekte Vorwand, sich den bekannten weißen, gesalzenen Weichkäse aus Pljevlja (der erste in Montenegro, der mit einem Herkunftszeichen versehen wurde) und andere leckere Milchprodukte zu gönnen. Herzhaftes Essen und Aktivitäten an der frischen Luft sind außerdem Bestandteil von Festlichkeiten im Juli, die unter dem Namen „Tage der Bergblumen“ bekannt sind und die artenreiche alpine Flora des Durmitor-Bergmassivs feiern.

Ländlicher Tourismus

Der aufkeimende Agrotourismus in Montenegros Norden ist eine schöne Gelegenheit, die ursprüngliche Lebensart des Landes kennen zu lernen. Bei einem Aufenthalt bei einheimischen Familien in ländlicher Umgebung wird man mit frischen Bio-Produkten verwöhnt, die direkt vom Garten auf den Tisch kommen. Oder man begibt sich direkt zur Quelle und versucht sich selbst am Kühemelken, Beeren- und Pilzsammeln, der Imkerei oder dem Brennen von rakija (Weinbrand).

Das jahrhundertealte Haus Kljajić (northernexposure.me) in Lubnice bei Berane bietet die Möglichkeit, in das Leben der Bergdörfer einzutauchen. Es ist vollgepackt mit hölzernen Bauernmöbeln (der Besitzer ist Tischler) und malerischer Deko, sodass schon das Haus selbst wie ein Mini-Heimatmuseum wirkt. Ein Must-Try ist der in Familientradition aus rund hundert Bienenstöcken hergestellt Bio-Honig des Gastgebers, der mit getrockneten Früchten und medovača (Honig-Branntwein) verfeinert wird.

In der Nähe, an einer wunderschönen Stelle oberhalb von drei Quellen, befindet sich das Haus Tri Izvora, ein komfortables ländliches Refugium mit moderner Ausstattung – Aufwachen zu Vogelgezwitscher und makelloser Bergkulisse inklusive. Es ist umgeben von einem Obstgarten mit scheinbar tausenden Apfel-, Birn- und Pflaumenbäumen sowie Johannisbeer- und Aroniabüschen. Das bedeutet: Neben anderen traditionellen selbstgemachten Gerichten gibt es hier köstliche Fruchtsäfte, Marmeladen und Obstkuchen.

Ein verhältnismäßiger Newcomer ist das Restaurant Dubirog Perović im Dorf Kralje, ab der Straße zwischen Berane und Andrijevica. Auf dem Gelände gibt es bereits Campingplätze, andere Unterkünfte sind in Planung, und sowohl Einheimische als auch Reisende kehren hier ein, um die Fischspezialitäten und die urige Atmosphäre zu genießen. Das Restaurant ist im Stil eines dubirog erbaut (einer strohbedeckten Holzhütte) und besitzt einen eigenen Forellenteich. Frische pastrmka  (Forelle) und riblja čorba (Fischsuppe) sind daher natürlich die Glanzstücke auf der Speisekarte.

Der bergige Norden ist zwar keine Weinbaugegend, ein kurzer Abstecher nach Süden zum traumhaften Skutarisee-Nationalpark führt jedoch zur Vinarija Ukšanović im Dorf Boljevići in der Nähe von Virpazar. Dieses kleine familienbetriebene Weingut, das auch Weinproben anbietet, befindet sich in der Crmnica-Region, die sich gleich fünf autochthoner Rebsorten rühmen kann. Ukšanović produziert einen eigenen Rosé, Lisičina, sowie Montenegros bekanntesten Rotwein Vranac (trocken und halbtrocken). In lokaler Manier beginnt die Weinprobe mit rakija – unbedingt loza s pelinom (Traube mit Wermut) probieren – und endet mit einer Auswahl hausgemachter Obstliköre.

Veröffentlichung: Juni 2017, deutsche Bearbeitung: Sinja Stiefel, Sarah Uhrig / Lonely Planet Deutschland

 

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