1. Inspiration
  2. Comer See - Glamour meets Tradition

Gardasee, Lago Maggiore

Comer See - Glamour meets Tradition

Originaltext: Alex von Tunzelmann
Übersetzung: Olaf Heise, überarbeitet von Digital Redaktion
vom 15.10.2025
© Sina Ettmer Photography, Shutterstock

Gardasee? Comer See? Lago Maggiore? Mondän waren die oberitalienischen Seen schon immer, aber auch ein wenig angestaubt. Dank George Clooney & Co. sind sie wieder en vogue. Dabei hat die herrliche Region viel mehr zu bieten als Promis und Schickimicki – Lonely Planet besucht Einheimische, die lokale Traditionen wahren.

© SimonePolattini, Shutterstock
Die Villa Oleandra am Comer See gehört seit einigen Jahren George Clooney.

An der Uferstraße von Cannobio nach Arona fängt der Süden an. Kamelien blühen, Villen verstecken sich in opulenten Gärten hinter Palmen und Zypressen. An den Promenaden reihen sich Restaurants in bunten Häuschen mit schmucken Fensterläden aneinander. Und linkerhand glitzert der Lago Maggiore in der Sonne. Wohin das Auge reicht Postkarten zum Selberknipsen.

Lago Maggiore, Lago di Como, Lago di Lugano: Die Schönheit der oberitalienischen Seen – entstanden durch eiszeitliche Gletscher – zieht die Menschen seit Jahrhunderten in ihren Bann. Ein Mix aus mildem Klima und mediterraner Pflanzenwelt, umrahmt von den schneebedeckten Alpen.

Einst waren es die italienischen Adelsdynastien, die Borromeos und Viscontis, die an den Ufern nahe der Schweizer Grenze ihre Burgen und Palazzi bauten. Als der Simplonpass ab 1805 Mailand mit Paris verband und später der Orientexpress am Maggiore hielt, genossen die Reichen und Mächtigen aus ganz Europa die Sommerfrische an den Seen. Die Gästeliste liest sich wie das Who's who der damaligen Zeit: Napoleon (gastierte mit Frau bei den Borromeos auf der Isola Bella), Nietzsche, Stendhal, die Vanderbilts, Hemingway... Prächtige Belle-Époque-Villen entstanden und mondäne Hotels wie die "Villa d'Este" in Cernobbio am Comer See und das "Grand Hotel des Iles Borromées" am Lago Maggiore.

Nach dem Krieg urlaubte Konrad Adenauer alljährlich am Comer See und mit ihm rollten in den 1950er-Jahren die ersten deutschen Touristen über die Alpen. Am Maggiore gab es Cappuccino statt Filterkaffee, exotische Pizza statt schnöder Stullen. Und sehnsüchtige Schlager von Vico Torriani.

Dann fiel die Region in einen langen Dornröschenschlaf. Seit einiger Zeit sind die Seen wieder en vogue. Einen guten Anteil daran hat George Clooney. 2002 kaufte der Hollywood-Star die "Villa Oleandra" am Comer See und machte das 900-Einwohner-Dorf Laglio zu seiner Wahlheimat. Seither ist das angestaubte Image passé und Touristen strömen in Scharen an den Lago. Im Glamour-Schlepptau: Fußballmillionäre, Oligarchen, Scheichs und diverse andere VIPs, die sich an den Seen luxuriöse Anwesen leisten.

Nicht alle sind glücklich über den neuen Hype. Zwar spült die High Society viel Geld in die Region und sichert lokale Jobs. Auf der anderen Seite sind die Lebenshaltungskosten drastisch gestiegen und verdrängen das althergebrachte Leben in dem schönen Landstrich. Doch neben all den Designerboutiquen und Ferraris, die heute das Bild in vielen Ortschaften prägen, gibt es sie noch: Handwerker, Künstler, Fischer – Menschen, die die alten Traditionen bewahren und sie teils schon an die nächste Generation weitergeben. Lonely Planet erzählt ihre Geschichten.

Der Bootsbauer – Daniele Riva aus Laglio

© Andrea Berg, Shutterstock
Täglich fährt Daniele Riva seine "Patienten" Probe.

Laglio ist ein verschlafenes Nest am sonnigen Westufer des Comer Sees. An den grünen Hängen klammern sich schicke Villen bis hinunter zum Wasser, wo sanfte Wellen träge an private Anleger schwappen. Daniele Riva steht in blauer Latzhose in seiner Werkshalle und schleift das Deck eines maroden Motorboots.

"Klar, George Clooney ist eine tolle Werbung für uns", sagt er. "Aber viele Familien wohnen hier seit Generationen zur Miete. Jetzt können sie sich die Preise nicht mehr leisten. Und um die Häuser zu kaufen, fehlt ihnen das Geld."

Danieles Familie fertigt seit 1771 Boote in Laglio. Ab den 1950er-Jahren entwarf Carlo Riva am nahen Iseo-See die legendären Rivas, elegante Cruiser aus poliertem Mahagoni mit mächtigen Motoren, Zigarettenanzünder und Eisbox. Belmondo, Gunter Sachs, Brigitte Bardot – ohne den Rolls-Royce der Meere lief bei der Schickeria der 60er- und 70er-Jahre nichts. Gepflegte Modelle sind heute rar und erzielen Preise von 100.000 bis 500.000 Euro.

Daniele konstruiert in seiner Werft eigene Boote aus heimischem Zedernholz und restauriert die alten Klassiker. In der Fertigungshalle stehen Bootsskelette mit nackten Spanten neben den Oldtimern. Es riecht nach Harz und frischem Holz. Am Ende der Reihe zeigt Daniele eines seiner handvollendeten Produkte: Unter dem glänzenden Lack des "Jetto 5.3" schimmert die feine, rotbraune Maserung der Zeder. Die Planken sind so perfekt zusammengefügt, als seien sie aus einem Stamm gearbeitet.

Der Bootsbau sei eine kleine, aber sehr lukrative Branche, sagt Daniele. "Meine Kinder sind jetzt 18 und 13 Jahre alt und lieben die Boote. Wenn sie sich später entscheiden sollten, die Werft weiterzuführen, bin ich sicher, dass sie noch viele Rivas bauen werden."

Der Winzer - Daniele Travi aus Domaso

© Daniele Mezzadri, Shutterstock
Die Weinberge von Domaso im idylischen Panorama des Comer Sees.

Wer von Laglio am Ufer entlang nach Norden fährt, sieht noch mehr Promi-Domizile: Hier das Refugium von Richard Branson, dort das ehemalige Eigenheim von Gianni Versace, nun im Besitz eines russischen Oligarchen. Und in Lenno lässt sich die pompöse Villa del Balbianello samt Garten besichtigen, wo Szenen für "Star Wars" und "Casino Royale" gedreht wurden. Am nördlichen Ende des Sees ist dann Schluss mit High Society. Eine kühle Brise bläst von den nahen Alpen hinab, Surfer schießen übers kobaltblaue Wasser. Das Leben wirkt entspannter und traditioneller.

Hoch über den Terrakotta-Dächern der Gemeinde Domaso windet sich eine schmale Straße den Berg hinauf. Am Wegrand wuchert duftende Minze, Steinmauern stützen steile Terrassen, auf denen knorrige Weinreben an Holzgestellen ranken. Daniele Travis Familie baut an den Hängen seit über 200 Jahren Wein an.

Obwohl er schon im Rentenalter ist, klettert und springt Signore Travi in den Terrassen herum wie ein Teenager und präsentiert stolz seine ältesten Rebstöcke. Manche sind dick wie Oberschenkel. "Ich bin gelernter Metallurge, der Weinbau war eigentlich nur ein Hobby", erzählt er später bei der Verkostung im Agriturismo. "Aber inzwischen bin ich Winzer aus Leidenschaft."

Zum frischen Domasino-Wein gibt es Käse, Schinken und leckeres Brot, dazu einen Traumblick über den Comer See. Als Kind habe er die Trauben mit seinem Opa noch mit den Füßen gepresst, heute kämen Keltermaschinen zum Einsatz. Dennoch legt Daniele viel Wert auf Traditionen: "Wir bauen auf unserem Gut die Rosseia an, eine sehr alte, heimische Rebsorte, die schon vor 2000 Jahren erwähnt wurde." Mit der Industrialisierung der Produktion sei sie irgendwann in Vergessenheit geraten. Daniele lacht und deutet auf die üppig behangenen Reben am Berg. "Aber nun ist sie wieder da."

Die Köchin – Elena Bianchi aus Bellagio

© Kirk Fisher, Shutterstock
So ein Restaurant mit Garten in Bellagio direkt am Comer See ist heute ein Vermögen wert.

Der Motorroller schnurrt die kurvige Straße nach Bellagio hinauf. Elena Bianchi, 34, hat einen Korb voller frischer Zutaten vom Markt auf dem Gepäckträger verstaut: Seebarsch vom lokalen Fischer, Tomaten aus eigenem Anbau, wilden Rucola von den Berghängen. In einer halben Stunde öffnet ihr Restaurant "Alle Darsene di Loppia" – ein verstecktes Juwel abseits der touristischen Hauptstraßen.

"Meine Nonna hat mir das Kochen beigebracht", erzählt Elena, während sie in ihrer winzigen Küche Zwiebeln hackt. "Keine Rezepte, keine Kochbücher – nur Gefühl und Erfahrung." Ihre Großmutter führte 40 Jahre lang eine Trattoria in Bellagio, bevor die steigenden Mieten sie zur Aufgabe zwangen. "Heute kostet ein Lokal in der Altstadt 8000 Euro Miete im Monat. Das kann sich kein Einheimischer mehr leisten."

Elena wich deshalb ins ruhigere Loppia aus, einen Ortsteil mit Blick auf den See. Hier kocht sie noch immer nach Nonnas Rezepten: Risotto mit Seebarsch und Salbei, hausgemachte Pasta mit Wildkräutern, Polenta mit Gorgonzola aus der Region. "Die Touristen wollen oft Pizza oder Spaghetti Carbonara", seufzt sie. "Aber ich koche nur, was hier wächst und schwimmt."

Ihre Gäste sind hauptsächlich Einheimische und Insider-Touristen, die das authentische Como-Erlebnis suchen. "Clooney war übrigens noch nie hier", lacht Elena. "Aber sein Gärtner kommt regelmäßig. Der schwärmt von meinem Osso Buco."

Abends, wenn die letzten Gäste gegangen sind, sitzt Elena oft noch lange auf ihrer kleinen Terrasse und blickt über den See. "Manchmal denke ich daran, aufzugeben", gibt sie zu. "Aber dann rieche ich den Salbei aus Nonnas Garten und weiß: Das hier ist mein Platz. Hier gehöre ich hin."

Die Sonne versinkt hinter den Bergen, der See glitzert golden. In der Ferne tuckert eine alte Riva vorbei – vielleicht eine von Danieles Restaurierungen. Elena lächelt. "Die Seen gehören nicht den Reichen", sagt sie leise. "Sie gehören uns allen."

Das Wichtigste (2025)

Hinkommen

Malpensa Airport (Mailand) liegt 45 km vom Comer See entfernt. Direktflüge ab Deutschland mit Lufthansa, easyJet und Eurowings. Alternativ: Zürich Airport (80 km) mit Swiss. Mit dem Zug: EC von München über Zürich nach Como (7 Std.) oder Mailand Centrale, dann Regionalzug (1 Std.).

Herumkommen

Mietwagen für Flexibilität, aber Parkplätze rar und teuer. Öffentliche Verkehrsmittel: Züge verbinden alle Städte am Ostufer, Busse fahren auch kleinere Orte an. Fähren zwischen den Ufern (Como-Bellagio 2 Std., 11 €).

Beste Reisezeit

April-Juni und September-Oktober: milde Temperaturen, weniger Touristen. Juli-August: heiß und überfüllt, aber alle Attraktionen geöffnet. November-März: viele Hotels geschlossen, aber romantische Winterstimmung.

Übernachten

Luxus: Villa d'Este (Cernobbio) ab 800 €. Mittelklasse: Hotel Belvedere (Bellagio) ab 180 €. Budget: Ostello Bello (Como) ab 35 €. Frühzeitig buchen, besonders in der Hauptsaison.

Geheimtipp

Besuche Giulias Seidenmanufaktur "Setificio Cantù" in Como (Via Volta 64) – nach Voranmeldung kannst du den Webstühlen bei der Arbeit zusehen und echte Como-Seide kaufen.

Weitere interessante Reportagen

Erscheint demnächst