Kanalinsel-HoppingJersey, Guernsey & Co.

Jerseys Leuchtturm La Corbière © Micheal Heffernan
Jerseys Leuchtturm La Corbière

Wie aus dem Ärmelkanal geschüttelt liegen Jersey, Alderney, Sark und Guernsey vor der Westküste Frankreichs. Auf diesen Flecken Erde, die der britischen Krone gehören, parliert man Englisch, diniert aber Französisch und ist überhaupt ganz schön eigenwillig. Los geht's mit einem Eilandhüpfen der besonderen Art.

Jersey

Haute Cuisine und Häuser wie Puppenstuben

Langsam geht die Herbstsonne über Jersey unter. Am Ufer brechen sich lautstark die Wellen und machen aus dem kobaltblauen Wasser eine schäumende Gischt. Auch wenn die Bewohner der größten Kanalinsel an Anreden stets ein liebevolles „love“ hängen und ihre puppigen Häuschen mit Bilderbuch-Gärten schmücken, wird schnell klar: Auf Jersey geht es rau zu. Schon die Wasserstände im Meeresarm schwanken bis zu zwölf (!) Meter. Spektakulär, wenn man auf der Mole von St. Catherine’s steht und in die Tiefe schaut, wo weit, weit unten kleine Boote im Watt dösen. Keine 25 Kilometer vor der französischen Küste liegt das Eiland, das in englischem Kronbesitz ist und als Währung das Jersey-Pfund hat. Trotzdem lebt es sich hier auch très französisch. Bei besonderen Anlässen wird neben „God save the Queen“ auch „Ma Normandie“ geschmettert, und was das Essen angeht, hat man den guten Geschmack quasi in den Genen. Bei Ebbe strömen viele Insulaner mit Eimern und Gartenhacke aus, um nach dem Abendessen zu buddeln. In Grouville im Osten der Insel prüft Chris Le Masurier, Austernfarmer in dritter Generation, seine Beute. „Ich esse sie jeden Tag, am liebsten direkt aus der Schale“, erzählt er. Apropos Schale: je perfekter ihre Form, desto praller das Fleisch. Das bedeutet viel Arbeit für Chris. Die Austernsäcke müssen ständig gewendet werden, damit der noble Inhalt gut wachsen kann. Entspannung findet er auf dem Meer: „Beim Surfen! Da darf ich nämlich nicht ans Business denken, sonst falle ich vom Brett.“

Der wichtigste Exportartikel der Insel wächst aber an Land. Kein Wunder, das Klima ist mild und der Boden fruchtbar. Jersey Royal heißt die Kartoffelsorte, die auf teils steilen Hängen in Küstennähe angebaut wird. Ihr nussiges Aroma verdankt die edle Knolle aber der besonderen Düngung: ordinärem Seetang. Auch sonst hat man einen sichtbar grünen Daumen. Alle paar Meter steht eine Kiste mit Äpfeln, Kirschen oder Salat am Straßenrand. An den Hedge-Veg-Stalls kann sich jeder seine Vitamine zusammenklauben, im Gegenzug wirft man ein paar Münzen in die „honesty box“. Zum Picknick geht’s in den Howard Davis Park in St. Helier, wo Palmen und seltene Orchideen wachsen. Zur Erntezeit brodeln die Jersyaner dann ihre „Black Butter“, eine Marmelade aus Äpfeln, Cider, Zitronen, Zimt und – Lakritze! In Gemeinschaft wird geschnibbelt, gerührt und die fertige Masse in Gläser abgefüllt. Zur Erholung lässt man sich später durch die quirligen Shoppinggassen der Inselhauptstadt St. Helier treiben. Noch ein Pint im Pub, dann

Sark

Outdoorparadies zwischen Klippen und Meer

An die Stille muss man sich erst gewöhnen. Keine Hektik, kein Lärm und weit und breit keine Autos, denn die sind auf Sark nicht erlaubt. Wäre ja auch übertrieben, wo es nur eine befestigte Straße auf dem bloß fünf Quadratkilometer großen Inselchen gibt. Der Rest sind staubige Sand- und Wiesenwege, auf denen die Insulaner per Rad, Traktor oder Pferdekutsche von A nach B rollen. Rund 600 „Sarkees“ leben hier. Eine von ihnen ist Elizabeth Perrée, die Chefin von „La Sablonnerie“, einem kleinen Hotel mit Restaurant in Little Sark im Süden der Insel. Vor den Fenstern baumeln Blumenvorhänge, drinnen stehen rustikale Holzmöbel, der Garten sieht aus wie von Monet gemalt. „Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Roman von Enid Blyton“, sagt Perrée. „Als wäre Sark ein fernes Königreich aus einem Märchen.“ In der Tat läuft das Leben auf Sark, der unberührtesten aller bewohnten Kanalinseln, in Slow Motion. Mal zuckelt ein Pferd samt Kutsche vorbei, ansonsten ist man wie aus der Zeit gefallen. Aber das verwunschene Örtchen kann auch anders. Mountainbiker brettern über die steilen Klippen, Wanderer stromern über die Felder, Kajak-Fahrer erkunden die einsamen Strände. Ein Paradies für Outdoor-Fans! Der neueste Trend heißt Coasteering, ein Mix aus Klettern, Wandern und Schwimmen. Mit Neoprenanzug, Schwimmweste und Helm kraxelt man durch enge Felsspalten und hüpft von steinigen Landzungen entlang der 35 Kilometer Küstenlinie. Spannend wird’s, wenn die Gruppe aus Gelbhelmen in Felsgrotten und Höhlen wie Derrible Head Cavern oder Gouliot Caves abtaucht, die sonst nur bei Ebbe begehbar sind.

Ähnlich aufregend ist ein Gang über die Landbrücke La Coupée zwischen Big Sark und Little Sark. Vom Meer weht eine Brise durch das Farnkraut, Möwen schießen im Sturzflug die über hundert Meter tiefen Abhänge herab. Der Pfad auf dem Naturdamm ist gerade mal so breit, dass eine Kutsche darüberfahren kann. Erst seit 1900 gibt es Geländer, vorher sah man oft Passagiere auf allen Vieren hinüberkrabbeln, erzählt Elisabeth. Nicht nur bei Wind heißt es auch heute noch: Bitte absteigen und zu Fuß gehen. „Ach, und passt auf den kopflosen Reiter auf“, sagt Elizabeth und zwinkert. Seine Beute, so die Legende: Reisende, die nachts die Brücke überqueren. Also fix weiter! Am südlichen Zipfel von Little Sark füllt die Flut den Venus Pool mit Meerwasser, eine Art XXL-Badewanne aus Felsgestein. Auf den Steinen am Rand des Beckens kann man sich nach dem Bad von der Sonne trocknen lassen. Auch in den Buchten, die man nur über steile Treppen erreicht, ist man oft mutterseelenallein. Die perfekte Idylle – nur gut, dass der kopflose Reiter eher Nachtmensch ist …

Text: Alex von Tunzelmann, deutsche Bearbeitung: Alina Halbe, Titelbild: Michael Heffernan

Den vollständigen Artikel mit weiteren Inseln im Ärmelkanal finden Sie in der September-Ausgabe des Lonely Planet Traveller.

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Das Wichtigste

Hinkommen

Ab Frankfurt a. M. fliegt Air Berlin nonstop nach Guernsey und ab Zürich und Wien via Düsseldorf (airberlin.com). Nach Jersey geht‘s nonstop mit Lufthansa ab München und Düsseldorf. Ab Zürich und Wien auch via Düsseldorf (lufthansa.com).

Herumkommen

Jersey, Guernsey, Alderney sind über Flüge und Fähren verbunden (aurigny.com, directferries.co.uk). Nach Sark geht‘s ab ca. 33 € mit der Fähre ab Guernsey hin und zurück (sarkshippingcompany.com).

Weiterlesen

Der Marco-Polo-Guide „Kanalinseln“ (11,99 €) informiert umfassend. Aktuelle Infos und Empfehlungen gibt es etwa auf jersey.com oder visitguernsey.com.

Weitere Infos (Jersey)

  • Das „El Tico“ an der St. Ouen’s Bay ist Treffpunkt für hungrige Surfer und Strandgänger (Gerichte ab ca. 15 €, elticojersey.com/home).
  • In einem alten Kriegsbunker verkauft „Faulkner Fisheries“ Meeresfrüchte und Fisch (Austern ab ca. 1 €, faulknerfisheries.co.uk).
  • Unter nationaltrust.je kann man sich zur Mithilfe beim „Black Butter“-Einkochen anmelden, das vom 23. bis 25. Oktober stattfindet.

Weitere Infos (Sark)

  • Geführte Kajak- und Coasteering-Touren kosten ca. 50 € für 2 ½ Stunden. Wer mehr Küste erkunden will, bucht einen Tagesausflug mit gemeinsamem Essen und Bootstransfer nach Jersey oder Guernsey (adventuresark.com).
  • Fahrräder, Tandems und Anhänger für Kinder vermietet „Avenue Cycle Hire“ (ab ca. 9 € pro Tag, avenuecyclessark.co.uk).
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