USAEine Fahrt ins Bunte

© Matt Munro
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Die 924 Kilometer lange Panoramaroute durch die Blue Ridge Mountains im Osten der USA zählt zu den schönsten Roadtrips Amerikas. Besonders zum Indian Summer im Herbst, wenn die Bäume ihr farbenprächtiges Blätterkleid anlegen.

Jack Kerouac kann einiges auf seine Kappe nehmen

Sein 1957 erschienener Roman „On the Road“ gilt nicht nur als Manifest der Beat-Generation, er lieferte auch die Zutaten für so ziemlich jedes US-Roadmovie: flimmernder Asphalt bis zum Horizont, Motels mit summenden Neonschildern, chromfunkelnde Trucks … Und natürlich zwei Hauptfiguren wie Sal Paradise und Dean Moriarty, die von Drogen berauscht auf eine abenteuerliche Reise gehen. Die Tour durch die Blue Ridge Mountains bietet so gut wie nichts davon.

Denn der Blue Ridge Parkway und der Skyline Drive, die sich entlang des Appalachen-Gebirgszugs schlängeln, wurden speziell für Ausflügler und Touristen angelegt. Hier zuckelt man mit maximal erlaubten 45 Meilen (gut 70 km/h) durch die Landschaft. Laster haben Fahrverbot, kultige Diner sucht man vergebens. Wer Kaffee oder Sprit braucht, muss die Strecke verlassen und sein Glück auf den Landstraßen von West Virginia oder North Carolina versuchen. Und dass man sich dort in den Wäldern verfranst, ist so gut wie sicher.

Dennoch gehört dieser Trip auf jede Bucket List, denn der Verzicht auf Tempo und sonstige Annehmlichkeiten wird reich belohnt. In den Bergen stößt man auf alte Geschichten über Schwarzbrenner, längst vergessene Bräuche und handgemachte Old-Time Music. Es ist eine Reise durch das Amerika vor dem Automobilzeitalter. Und der Herbst ist die beste Zeit, um die Strecke abzufahren. Ab Ende September entfachen die Laubbäume ein wahres Feuerwerk an Farben. Dann leuchten die Blätter von Ahorn, Espe, Birke, Pappel und Kastanie in berauschendem Gelb, Purpur, Orange, Braun…So starte ich kurz vor Halloween nach einem entspannten Frühstück im Städtchen Front Royal am Skyline Drive. Das gemächliche Tempo versetzt einen umgehend in den Relax-Modus. Keiner klebt einem an der Stoßstange oder versucht zu überholen. Die Straße windet sich an Bergkämmen entlang, alle naselang bieten sich kilometerweite Blicke über das bunte Farbenmeer der Wälder, das im klaren Licht der Herbstsonne geradezu psychedelisch wirkt.

Ein Schwarzbär trottet im Nebel über den Asphalt

An den Aussichtspunkten parken Oldtimer, Cabrios und Motorräder, deren Besitzer das Naturspektakel fotografieren. Unter ihnen ist auch Wes Cockran mit seiner senfgelben, üppig verchromten Harley. Sechs Stunden braucht er, um seinen Feuerstuhl zu polieren, erzählt Wes. Warum? „Warum nicht!?“ Gute Gegenfrage. Genau für Enthusiasten wie ihn wurden die Panoramastraßen einst angelegt.

Der Bau des Skyline Drive und des Blue Ridge Parkway begann nach der Großen Depression der 1930er-Jahre als Maßnahme von Roosevelts New Deal. Um die Wirtschaft anzukurbeln, verpflichtete man Arbeitslose für Straßenbau- und Nationalparkprojekte. Beide Straßen sind miteinander verbunden, der kürzere Skyline Drive bildet die nördliche Teilstrecke. Seine 169 Kilometer lassen sich locker an einem Tag bewältigen, wobei das Wetter in höheren Lagen oft launisch ist.

Am Nachmittag, nahe dem Rockytop-Aussichtspunkt bei Meilenstein 78, hängt dichter Nebel über der Straße, als ein dunkler Umriss vor meinem Wagen auftaucht. Ein Schwarzbär trottet über den Asphalt und verschwindet im Dickicht. Die Begegnung dauert nur Sekunden, doch die Berge erscheinen mir danach gleich viel wilder und bedrohlicher. „Bären gibt’s hier reichlich“, hatte der Portier im Hotel gewarnt. Genau genommen so viele, dass die Parkverwaltung überall Schilder aufgestellt hat, wie sich Camper verhalten sollen: Lebensmittel geruchssicher verpacken, bei Begegnungen langsam, aber laut zurückweichen. Auch Pumas wurden bereits gesichtet. Eigentlich gelten die Berglöwen hier als ausgestorben. Ein schwacher Trost, wenn man mal eben zum Pinkeln in den Wald muss.

Bei Meilenstein 105 endet der Skyline Drive und geht in den 755 Kilometer langen Blue Ridge Parkway über. Nach gut einer halben Stunde Fahrt steuere ich über eine Nebenstraße den Weiler Love an. In der winzigen Siedlung bin ich mit Lynn Coffey verabredet, die hier seit den frühen 1980er-Jahren lebt.

Text: Marcel Theroux, deutsche Bearbeitung: Olaf Heise, Fotos: Matt Munro

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